Die Lage am Horn von Afrika: Bürgerkrieg, Hungersnot & Vertreibung im Jahr 2021

Die Eskalationsspirale des Vorjahres setzte sich ungebremst fort, aber anders als gedacht.

Im letzten Jahr begannen wir die Lagebeurteilung mit der Schilderung gesundheitlicher Risiken in Äthiopien: “Malaria (ca. 400.000 Tote/jährlich) und Durchfallkrankheiten (mehrere 100tausend), machen den Hauptteil der Todesursachen in Äthiopien aus, daneben gibt es die mit hohem Risiko verbundenen Infektionen Dengue, Wasserkrankheiten, Meningokokken, Tollwut.” 2020 erreichte CORONA Äthiopien, von Statistiken nur sehr dürftig thematisiert, mit hoher Dunkelziffer versehen. Dort möchten die Menschen die 1. Impfung, in Deutschland wird bereits geboostert.

2021 ist das Horn von Afrika zu einem bedeutsamen internationalen Krisenherd geworden, der die Region destabilisieren könnte, mit geopolitischen Dimensionen. Sehen konnte man das indirekt an der Havarie der EVER GIVEN. 100 Schiffe passieren den Suezkanal täglich, eines steht für 6 Tage quer und die WELT erkennt, welche Bedeutung der Suezkanal und der Beginn der Durchfahrt vom Arabischen Meer, das „Tor der Tränen“, das Bab-al-Mandab, für den Welthandel bedeutet. Das Horn von Afrika ist geopolitisch das „Nadelöhr unseres europäischen Wohlstandes“. Äthiopien ist zentraler Teil der Anrainerstaaten, war lange ein Stabilitätsanker und bedeutender strategischer Partner Europas.
BRISANT wurde die weitere Entwicklung als vor 1 Jahr ein als „7-Tage-Law & Order-Aktion“ begonnener Einmarsch in die Nordregion Tigray (6% der Gesamtbevölkerung) zu einem Bürgerkrieg mutierte, mit der Möglichkeit des Sturzes der äthiopischen Regierung. Die neue, gewählte äthiopische Regierung unter dem Premier Abiy Ahmed, sah GEWALT als einziges Mittel gegen die korrupten, tigrinischen Eliten, die 25 Jahre die Geschicke Äthiopiens bestimmt hatten. Tigray verfolgte nach dem Machtwechsel 2018 einen separatistischen Kurs. Die Nordregion verfügt über eine der ältesten und erfolgreichsten Rebellenarmeen der Welt! Der Premier ordnete direkt nach dem Machtwechsel, die Entlassung von 17.000 Regierungsmilitärs an, „aus Sicherheitserwägungen“. Damit wurden jedoch die eigenen Strukturen der Regierungsarmee geschwächt! 1991 rückte schon einmal eine Guerilla aus den Bergen Tigrays bis nach Addis Abeba vor. Das scheint sich jetzt zu wiederholen. Die TPLF-Generäle, der historische Kern der äthiopischen Streitkräfte, verfügen über einen Großteil der Waffen, viel Erfahrung und sind den geschwächten Regierungstruppen momentan überlegen.
Der Krieg ist sehr opferreich und brutal. 400.000 Menschen sind von Hunger bedroht. TIGRAY konnte nur anfangs von Äthiopien und ERITREA in den „Zangengriff“ genommen werden:
“Erfahrene tigrinische Militärs (der TPLF) schickten sich an, den Widerstand in Tigray zu organisieren. Laut dem TPLF-Kenner Kjetil Tronvoll erhielten sie dabei indirekte Unterstützung von der amerikanischen Regierung: Nachdem Joe Biden das Präsidentenamt angetreten hatte, hätten die Amerikaner Druck auf die Emirate ausgeübt, die Drohnenangriffe in Jemen zu beenden. Diese wurden aus derselben Basis in Eritrea geflogen, von der angeblich auch die Angriffe gegen die TPLF ausgingen. Laut Medienberichten nahmen die Emirate die Basis im Februar weitgehend außer Betrieb.” Ein kurzer Krieg war nicht mehr machbar, die TPLF konnte sich neu aufstellen.
Hatte Abiy Ahmed – der ehemalige Geheimdienstchef - mit ERITREA nur Frieden geschlossen, um einen schnellen Krieg gegen Tigray führen zu können? Der MASTERMIND der tigrinischen Revolutionsgarden der 80er Jahre, Tsadkan Gebretensae, ist als 70jähriger Ex-General zurück und führt die tigrinische Armee von Sieg zu Sieg. Er befehligte die äthiopische Armee 1998 - 2000 im 2. ERITREA-Krieg, der fast 100.000 Menschen das Leben kostete (1. Krieg 1962 – 1991). Später wurde der General entlassen, weil er sich mit dem damaligen TPLF-Ministerpräsidenten Meles Zenawi überworfen hatte. ERITREA hat 30 Jahre Krieg mit Äthiopien und die 2. Kriegsphase 1998 nicht vergessen und wollte nun Tigray zusammen mit der Regierung Abiy Ahmeds besiegen. Tsadkan hat wieder eine militärische Schlüsselrolle inne. Tigray: “a society with a very deep military tradition” und einer „von Gott gegebenen Mission“ ließe sich ergänzen. Tigrinische Führungskräfte waren von der neuen äthiopischen Regierung ab 2018 aus allen Schlüsselpositionen entlassen. Die alte Garde der TPLF hat das nie akzeptiert. Strategisch wird nun ein Mehrfrontenkrieg geführt, der sich auf die Nachbarregionen Amhara und Afar ausweitet und die Versorgungslinien von Äthiopien nach Dschibouti zu trennen droht. Der Vormarsch der tigrinischen Streitkräfte ist bedrohlich. Der Gegner steht jetzt bereits nicht weit von der Hauptstadt ADDIS entfernt. Der Krieg fordert Opfer. Die von ABIY (!) eingesetzte Menschenrechtskommission attestiert auf beiden Seiten „Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen.“ Die Lage ist verworren. Es gibt Berichte über Massenverhaftungen von Tigrayern in Addis Abeba. Bewaffnete gehen von Tür zu Tür: „Tagelöhner, Soldaten, Geschäftsleute, sogar Mönche“ würden verschleppt. Die Warnung „Tigray Genocide“ macht die Runde (TAZ). ABIY verfügt offenbar nur über eine „demoralisierte Armee, die gegen erfahrene Strategen“ kämpft. Und PR wird von diesen immer noch erfolgreich aus den Botschaften in aller Welt betrieben, um die Weltmeinung zu beeinflussen. Krieg ist auch PR. Die Niederlage ist in Sichtweite. Die Inflationsrate liegt jetzt schon bei 40%, Lebensmittel werden knapp.

Nimmt man dann noch die Folgen des Klimawandels, der Heuschreckenplagen und der ethnischen Spannungen in anderen Regionen in den Blick, wird die TRAGIK der Ereignisse sichtbar. Die Hoffnung der Menschen auf FRIEDEN scheint weit weg zu sein. Abiy, der Friedensnobelpreisträger des Jahres 2019 (wg. Frieden mit ERITREA 2018), wird nach Einschätzung westlicher Medien am Ende des Jahres nicht mehr im Amt sein. Die beim Volk ungeliebte, medienpräsente TPLF war Jahrzehnte an der Macht, ist (noch) davon abgeschnitten und nutzt ihre militärische Stärke, um neue Fakten zu schaffen. Abiy – ein OROMO - ist in der Defensive. Die OLA, eine OROMO Rebellenbewegung, hat sich mit der TPLF verbündet, sie beherrscht Teile der Region Oromiya rings um Addis Abeba und könnte jederzeit weitere Straßenverbindungen kappen. Die Straße von Addis nach Awassa führt durch Oromiya.
ACAPS eine von Norwegen, Deutschland, den USA, Kanada, der Schweiz und der UN unterstützte Informationsagentur verschafft Experten ständig einen Überblick über Hunger, Vertreibung und Migration. Neueste Kennziffern für Äthiopien werden sachlich vorgetragen:
• 103,700,000 Total population
• 6,300,000 People displaced
• 23,500,000 People in Need
• 17,150,000 Severe humanitarian conditions - Level 4 (von 5)
FAZIT Nov. 2021: Der Bürgerkrieg im Norden Äthiopiens droht jetzt die Einheit des Vielvölkerstaates komplett zu zerstören und international das Horn von Afrika insgesamt mit seinen Anrainerstaaten zu destabilisieren. Eine verheerende Hungersnot lässt sich vielleicht noch durch ein schnelles Ende dieses Krieges abwenden. Internationale Mediatoren versuchen einiges hinter den Kulissen. Die ESKALATION der Gewalt in Äthiopien ist besorgniserregend. Unser Partner „Center of Concern“ berichtet derzeit von der „ruhigen Südregion um Hawassa“, und dass „90% der Bevölkerung“ hinter ABIY AHMED stehen. Deutsche werden zum Verlassen des Landes aufgefordert. An Projektreisen ist nicht zu denken.
JB 26.11.2021

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Das Bild zeigt die wunderschöne Landschaft in der Nähe von Kokosa, Oromiya.